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Der Fjord unter uns – von neuen Erfahrungen, Natur und noch mehr Zimtschnecken

14. Mai 2019

Nach der unruhigen Nacht am Rande des Lysefjords, von der ich euch im letzten Beitrag berichtet habe, sollte für uns das absolute Highlight unserer Reise folgen. Die Wanderung zu Preikestollen, dem berühmten Felsvorsprung am Lysefjord in 604m Höhe.

Da wir am Abend vorher von eventuellen Überschwemmungen gehört hatten, waren wir schon in Sorge, ob wir diese Wanderung überhaupt antreten konnten. Nach kurzer Besprechung mit den Putzfrauen am Bowlingcenter nebenan wagten wir aber hoch zu fahren und uns selbst ein Bild von dem Ganzen zu machen.

Alleine die Straße hoch zum Parkplatz war schon einen Blick wert (auch wenn wir erst mal daran vorbei gefahren sind). Oben angekommen, war der Parkplatz gut gefüllt und es machte nichts den Anschein, dass die Wanderwege unpassierbar waren. Trotzdem informierten wir uns kurz im Touristenbüro, die pflichtbewussten Deutschen halt, aber dann ging es endlich los.

verwunschene Holzpfade führten uns über die Sumpflandschaft

Im Internet wurde die Route vom Parkplatz zum Peikestolen mit dem Niveau „leicht“ beschrieben. Es sollten also ca. 4 Kilometer Anstieg auf Wanderwegen vor uns liegen. Wir hatten ja bereits Bekanntschaft mit den norwegischen Wanderwegen gemacht und waren trotzdem überrascht, wie steil der Anstieg teilweise war und über was für beeindruckende Fels-und Geröllbrocken wir klettern durften. Immer wieder hielten wir an, weil die Landschaft einfach atemberaubend schön war. Steile Anstiege wechselten sich mit flachen Sumpflandschafte ab, es folgte Bergsee auf Steinplateau. Die Landschaft war so abwechslungsreich, dass der Anstieg das eigentliche Highlight des Tages war. Nach drei Vierteln des Weges wurde die Landschaft kahler und die Bäume immer seltener. Es gab Abschnitte in denen wir von vielen anderen Wanderern umgeben waren und dann wieder Momente, wo wir ganz alleine in dieser besonderen Welt vor uns her stapften. Wir hatten Glück, denn die Sonne begleitete uns auf unserem Weg dem Himmel immer näher zu kommen und wärmte angenehm unseren Rücken.

Wir kamen an einem Wegweiser vorbei, der uns versprach kurz vor unserem Ziel zu sein, als wir plötzlich merkten, dass wir am Fjord angekommen waren. Wir wichen ein Stück vom Wanderweg ab und gingen zur Felskante einige Meter entfernt. Und da war er plötzlich, der Lysefjord… blaugrau…riesengroß und furchtbar beeindruckend. Einige Atemzüge standen wir einfach da, neben einander und doch jeder für sich. Hier hin hatte uns also unsere Reise gebracht. Diese Reise, die als eine kleine Schnapsidee auf einem Geburtstag entstanden ist. Diese Reise, die erst keiner so richtig ernst genommen hat. Diese Reise, die wir uns erst vielleicht selber nicht so richtig zugetraut haben. In Angesicht mit dem großen Fjord unter uns muss ich gestehen, dass ich ganz schön stolz auf uns war in diesem Moment. Wir hatten es geschafft, nur wir beide, ohne Hilfe. Wir schauten uns an und ein breites Grinsen breitete sich auf unseren Gesichtern aus. „WOW!“… mehr brachten wir nicht raus… aber unsere leuchtenden Augen erzählten von der Freude und Dankbarkeit, die wir nicht in Worte fassen wollten und konnten.

Der Rest des Anstiegs war etwas zäh… es ging nämlich eine steile Felsplatte hoch und das mit vielen anderen gemeinsam. Je näher wir dem Peikestolen kamen, desto wuseliger wurde es. Ich war froh, dass wir in der Nebensaison da waren, denn ich konnte mir kaum vorstellen hier einen Fuß auf die Erde bekommen zu können im Sommer. Einen Moment lang schauten wir uns das Spektakel an und dann kamen wir nicht drumherum, auch das obligatorische Instagrambild an der spektakulären Steilwand zu machen. Auch wenn es absolut nicht widerspiegelt was hinter mir los war ( eine Schlange an Fotolustigen, die auch nach ganz vorne wollten), ist dieses Bild eins meiner absolute Lieblinge. Es steht dafür, wie klein wir in dieser Welt sind, wie beeindruckend die Natur ist und es sieht einfach so schön mystisch aus mit dem leichten Nebel und Nieselregen. Wir blieben noch ein paar Minuten, denn mit einsetzendem Regen wurde es angenehm leerer dort oben. Wir zogen unsere Regenhosen an und setzten uns auf einen Felsvorsprung. Hier oben, mit dem Ausblick schmeckten die vorher geschmierten Brote gleich doppelt so gut und wir amüsierten uns ein wenig über die Selfie-Anstrengungen der anderen Touristen.

Die Wanderung hatte uns einen schönen Muskelkater in den Waden eingebracht und ich hatte leichte Knieschmerzen. Nicht der Aufstieg war das Kräftezehrende, sondern der Abstieg war für mich die größere Herausforderung. Denn irgendwann wollte das Knie einfach nicht mehr. Daher waren wir dann auch ganz schön happy als wir endlich wieder unsere Diesellotte sahen.

Wir fuhren abends noch weiter, Richtung Westen. Der Küste entgegen. Das Wetter sah für den nächsten Tag nicht besonders rosig aus, daher hatten wir uns überlegt einen Städtetag einzulegen. Es ging über kleine Straßen und mit der Fähre rüber nach Stavanger und wir durften uns auf den Parkplatz vor einem Hotel stellen und für einen kleinen Beitrag Strom beziehen und die Duschen im Poolbereich des Hotel nutzen. Zum Abendbrot machten wir uns Vegane Wraps und tranken ein überteuertes norwegisches Bier.

Der Wetterbericht sollte leider Recht behalten und der Morgen startetet ziemlich trist und nass. Daher ließen wir uns Zeit, hörten noch ein bisschen Hörbuch bevor wir ins Hotel huschten und uns für den Tag bereit machten. Gegen 11 Uhr wurde der Regen weniger und es nieselte nur noch ein wenig. Daher gab es keine Ausreden mehr und machten uns auf den Weg Richtung Innenstadt. Eigentlich wollten wir den Bus nehmen, hatten uns extra ausgiebig erklären lassen welchen wir nehmen müssen und wo er losfährt. Ich glaube wir habe keine 5 Minuten an der Haltestelle gestanden, da hatten wir auch schon beschlossen, wie albern es ist auf einen Bus zu warten. Wir hatten den Preikestolen bestiegen, da war doch ein kleiner Spaziergang in die Stadt keine Herausforderung für uns!!

Im Nachhinein sind wir so froh gewesen, zu Fuß gegangen zu sein, denn wir hätten vieles verpasst. Den schönen Stadtsee an dem wir vorbei kamen, leckere vegane Zimtschnecken die wir natürlich nicht liegen lassen konnten und diese vielen schönen Häuschen. Jedes schien seine eigene Geschichte zu erzählen, man konnte in den Fenstern sehen, wie viel Liebe die Bewohner in ihre Häuser steckten und jedes Zweite sah aus wie aus einem Astrid Lindgren Film. Mit beschwingten Schritten gingen wir durch die kleinen Straßen und unsere Beine freuten sich darüber, dass es hier einigermaßen flach war.

Am Hafen angekommen bummelten wir durch ein paar kleine Gassen, aßen ein unfassbar leckes Sandwich zum Mittag und statteten Joe & the Juice einen Besuch ab. Die Stadt war sehr leer, daher konnten wir in Ruhe alles ansehen, bevor wir uns langsam auf den Rückweg zum Hotel machten. Eine komische Sache ist uns aber noch passiert, wir sind von einer Krähe angegriffen worden. Verrückter Weise ist sie uns vom Hafen aus gefolgt und immer knapp über unsere Köpfe geflogen. Alfred Hitchcock lässt grüßen!

Die letzte Nacht in Norwegen stand uns schneller bevor als uns lieb war und wehmütig suchten wir nach einem geeigneten Campingplatz, der nicht all zu weit von Kristiansand entfernt war. Wir wurden schnell fündig und fuhren zu der angegeben Adresse. Der Platz war schnell gefunden, sah aber auf den ersten Blick nicht sonderlich einladend aus. Der Spielplatz neben der Rezeption war leicht verwüstet, Spielgeräte lagen kreuz und quer kaputt über der Anlage verteilt und auf dem Sanitärhaus lag eine dicke Eiche. Es schien so, als wäre hier vor nicht all zu langer Zeit ein ganz schön heftiger Sturm über den Platz gefegt. Wir hielten am Rezeptionshaus und klingelten. Niemand rührte sich… bei einer Telefonnummer die am Fenster hing hatten wir leider auch kein Glück. Weiter hinten gab es kleine Ferienhütten und vor einer stand ein weißer Sprinter. Daher fuhren wir erst mal dort hin. Es lief Musik in der Hütte, doch auf unser Klopfen reagierte niemand. Wir wussten auch bald warum, denn vom Waschhaus kamen zwei Männer nur mit Handtuch bekleidet und beäugten uns argwöhnisch. Die Beiden waren Julia sehr suspekt und sie überlegte schon, ob wir hier wirklich bleiben sollten. Doch als die Beiden näher kamen, konnte man deutlich sehen, dass ihnen die Situation um einiges unangenehmer war als uns.

Sie sprachen leider kein Wort Englisch und hatten auch nicht das Bedürfnis uns zu helfen. Stammelnd verschwanden sie also so schnell wie möglich in der Holzhütte und schlossen die Tür hinter sich. Da standen wir nun. Hatten keine Idee, wie wir uns hier anmelden oder ob wir weiter fahren sollten. Wir schauten über den Graswall und hatten unsere Antwort: BLEIBEN!! Denn hinter dem Graswall lag eine wunderschöne, kleine Bucht, in der das Wasser leise und sanft auf den Stand rollte. Wie konnten wir da nein sagen. Wir hatten fließendes Wasser, wenn auch nur kaltes und eine Toilette… das gepaart mit dem Ausblick war doch fast perfekt.

In der Nacht achtete Julia aber penibel darauf das unsere Türen alle wirklich verschlossen waren.

Und dann war er da der Tag des Aufbruchs … denn mit der Rückfahrt nach Dänemark war nicht mehr abzustreiten, dass sich unser kleines Abenteuer dem Ende neigte. Daher ließen wir uns an diesem Morgen viel Zeit beim Frühstücken. Julia trank in Ruhe ihren Kaffee, ich meinen Schoko-Chai. Es gab mal wieder einen ganz hervorragenden Porridge, dessen Geheimzutat unumstritten die Aussicht war. Wir standen in den Dünen und schauten aufs Meer hinaus. Der Morgen des 5. Oktober. Nach dem Frühstück legten wir wieder eine ausführliche Siesta auf unserem Bett ein, mit guter Musik und wippenden Füßen.

Wir verabschiedeten uns lautlos von diesem mystischen Land, von dem ich völlig überrascht wurde. Wenn man so viele verwunschene Orte gesehen hat, wie wir in den letzten vier Tagen glaubt man auch selbst an die unendlichen Geschichten und Sagen rund um Tolle und Feen in Skandinavien. Schroffe Steinlandschaften und von Moos überwucherte Waldböden haben mich davon überzeugt, dass es sie wirklich gibt im Land der Wikinger. Man muss nur genau hinsehen und den Glauben an das Wunderbare zulassen.

Die Fähre brachte uns später wieder heile an die dänische Küste und dieses Mal war uns zum Glück auch nicht so furchtbar schlecht.

Von den letzten Tagen mit der Diesellotte werde ich euch beim nächsten Mal erzählen, für heute ist nun aber erst mal genug!

Eure Melissa

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