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Norwegen – von Entschleunigung, Stille und Zimtschnecken

6. Mai 2019

Im letzten Beitrag habe ich euch erzählt, wie meine Cousine Julia und ich uns auf den Weg gemacht haben… mit dem Van Richtung Norden, dem Abenteuer entgegen. Habe von kalten Nächten und stinkenden Autos berichtet und davon, wie gut uns schon die ersten zwei Tage in der Diesellotte gefallen haben.

Nun stehen wir vor dem riesigen Fährschiff und warten darauf,dass wir endlich die Rampe hochfahren und die letzten Kilometer die uns noch von Norwegen trennten hinter uns bringen können. Endlich ist es soweit, ein Hafenmitarbeiter winkt uns zu und wir reihen uns in die schier endlos wirkende Schlange von riesigen Lkws ein und mir wird etwas mulmig zwischen diesen Fahrzeugen. Auf einer Fähre muss jeder Zentimeter genutzt werden! Der Fährmitarbeiter steht vor mir und winkt und winkt, dass ich noch näher an den Lkw vor mir fahren soll… gefühlt sitze ich schon fast bei ihm im Fahrerhäuschen und schwitze dabei, diesen Trecker unter mir langsam und kontrolliert vorwärts rollen zulassen Aber irgendwann ist es geschafft und wir steigen aus dem Van aus und machen uns auf den Weg nach oben.„Ich war mal mit Mama und Papa für einen Tag in Norwegen, dabei war mir bei der Fährüberfahrt furchtbar schlecht!“, sagte ich zu meiner Cousine während wir uns einen Überblick verschafften über die Geschäfte und Angebote die es auf der Fähre gab.Diese Worte sollten mir noch lange nachhängen, denn wir hatten kaum abgelegt, da breitete sich eine kleine aber feine Übelkeit in unseren Mägen aus, die während der knapp vier stündigen Überfahrt mal schlimmer mal erträglicher wurde. In den Momenten wo es gar nicht mehr ging, setzten wir uns draußen aufs Außendeck… in die Dunkelheit… Bei Regen und knapp 5°C Außentemperatur wehte ein grausamer Wind. Wir hatten alles an, was wir anziehen konnten, Mütze, Schal und Kapuze so zurecht gezurrt, dass nur noch die Nase rausschaute … aneinander gelehnt hörten wir so unser Hörbuch weiter… nach 30 Minuten zitterten wir beide so, dass wir es nicht mehr aushielten und mussten wieder rein gehen. Sofort stellte sich wieder das flaue Gefühl ein… ich beschloss das Ganze einfach zu ignorieren und versuchte etwas zu schlafen, dass half mir tatsächlich die restliche Stunde zu überstehen.  

Nachts kamen wir in Kristiansand an und hatten uns auf dem Handy einen Parkplatz ausgesucht, der nur 20 Minuten vom Fähranleger entfernt liegen sollte. Nichts dolles, ein einfacher Parkplatz, aber immerhin sollte es dort eine Toilette geben und es war ganz nah. Ich bin wirklich keine Nachteule und war daher auch völlig müde, als wir mit der Diesellotte endlich die Rampe runter rollten. Wir fuhren los und ich war schlagartig wieder wach. Das wenige was wir in der Dunkelheit sahen auf unserem Weg zum Parkplatz verschlug uns schon völlig die Sprache… die Steilen Felswände an den Straßen und die gewundenen Wege mit ihren spektakulären Tunneln versprachen eine atemberaubende Landschaft.  

Nach der Nacht auf dem Parkplatz, mit Truckern als Nachbarn und viel prasselndem Regen auf unserem Dach machte sich kurz Ernüchterung breit… wo war die Sonne geblieben, die in Dänemark unser ständiger Begleiter war. Naja, half ja alle nix… also fuhren wir wieder los, holten uns einen Kaffee an der nächsten Tankstelle und fuhren Richtung Norden aus Kristiansand raus.

Und was soll ich euch sagen, wir wurden mehr als entschädigt für das verregnete Erwachen. Keine 50 km hinter Kristiansand riss der Himmel plötzlich auf und wir sahen die ersten kleinen Fjorde links und rechts vom Weg liegen. Sahen glitzerndes Wasser, steile Felswände, Regenbögen über dem Wasser und waren wieder sprachlos angesichts der Schönheit die sich uns da offenbarte. Alle fünf Minuten schrie einer von uns auf und wir suchten ständig nach einem Platz zum Anhalten um uns das Spektakel näher anzusehen, um kurz inne zu halten und den Moment in uns aufzusaugen. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass dieser Morgen einer der glücklichsten Momente in meinem Leben war, so klein und doch so reich. Denn wir waren einfach Glücklich in diesem Moment, Dankbar für die Sonnenstrahlen, für diesen Augenblick, für die Möglichkeit das hier erleben zu können… Dankbar für die Zimtschnecke in unserer Hand und stolz dieses Abenteuer angegangen zu sein.

Ich glaube, die Autofahrer hinter uns waren schon ganz schön genervt … aber wir wollten uns einfach nicht hetzen lassen und einfach im hier und jetzt leben. Der Weg war das Ziel und wir hatten nur grobe Ziele für die nächsten Tage gefasst… wollten uns aber nicht zu sehr fest legen. Unseren ersten halben Tag in Norwegen, kamen wir tatsächlich also nicht furchtbar weit, denn die Landschaft war einfach zu schön und wir hielten immer wieder am Straßenrand an.

Nachmittgas hatten wir uns den Manafossen vorgenommen. Einen Wasserfall in der Nähe von Dirdal. Wir machten uns auf Weg und wurden von dicken Wolken begleitet. Auf den letzten Metern zum Wasserfall kam Julia am Steuer ganz schön ins Schwitzen, denn der Weg war geradeso breit genug für unsere Diesellotte und was sollten wir machen, wenn uns jetzt jemand entgegen kam!? Die 10 Kilometer rückwärts fahren zu müssen, erschienen uns wie ein riesiger Albtraum. Dazu hatte es wieder heftig angefangen zu regnen, rechts von uns die Steilwand, links ein Fluss, der dank des vielen Regens auch reichlich Wasser führte und sehr kalt aussah. Aber wir hatten Glück und unser Daumendrücken wurde belohnt…keiner kam uns entgegen. Auf dem Parkplatz stand nur eineinziges Auto, es gab ein kleines Klo und eine Infotafel. Dazu viel Regen! Wir beschlossen noch etwas mit unserem Aufstieg zu warten, in der Hoffnung, dass der Regen etwas nachlassen würde. Ich kochte uns ein paar Nudeln mit Tomatensoße und wir machten es uns auf unserem Bett bequem.

Das versprochene Aufklaren am Himmel blieb fürs erste leider aus… und daher haben wir nach dem Essen das einzig sinnvolle getan…ein feines Nickerchen. Denn das ist das Beste daran, dass man seine Unterkunft immer dabei hat… du kannst wann immer du magst anhalten und ein Nickerchen halten!

Ich dämmerte vor mich hin… das Hörbuch im Ohr, das Prasseln des Regens so schön beruhigt auf dem Dach. Irgendwann mischte sich aber noch ein anderes Geräusch unter, eine Glocke. Ich dachte erst in der Nähe muss wohl ein Kirche stehen und dämmerte wieder weg. Kurz darauf wurde die Glocke lauter und es wurde ein richtiges Geläut aus vielen Glocken. Ich riskierte also doch mal einen Blick aus dem Fenster und sah, dass während unseres Nickerchens eine Herde Schafe auf den Parkplatz gekommen war und nun seelenruhig um unser Auto herum graste. Was für ein schönes Gefühl es war, einfach so von der Natur aufgenommen worden zu sein und das wir anscheinend keinen weiter störten. Wir beobachtetennoch ein wenig die Schafe und stellten dann resigniert fest, dass das Wetter wohl heute nicht mehr besser werden würde. Also Regenhose und -Jacke an und raus in den Berg. Auf der Infotafel stand „30 Minuten Aufstieg auf einem Wanderweg.“ Man darf sich Wanderwege in Norwegen aber nicht so vorstellen wie in Deutschland, denn wir hangelten uns die nächste halbe Stunde von Stein zu Stein, über steile Felsplatten, die nur mit einer Kette als Hilfe zum Hochziehen zu bewältigen waren. Der Regen hatte die Angelegenheit nicht leichter gemacht, aber ich habe mich gefühlt wie eine echte Abenteurerin, die dem Wetter und der Natur trotze.

Oben angekommen wurden wir für unsere Anstrengungen belohnt, denn der Manafossen war wirklich beeindruckend, wie er sich da vor uns in die Tiefe stürzte! Und auch hier lobe ich mir wieder die Nebensaison, denn wir waren ganz alleine dort oben… wo sich im Sommer wahrscheinlich gerne mehrere 100 Leute gleichzeitig tummelten. Das waren mir die kalten Nächte doch Wert. Und wie wir so dort oben standen und die Naturgewalt auf uns wirken ließen, hörte es auf zu regnen und der Moment war ganz allein unserer.

Weiter ging es Richtung Lysefjord, denn dort wollten wir am nächsten Tag zum Preikestolen hoch wandern. Wir hatten uns wieder auf unsere App verlassen und dort nach vielem hin und her einen Campingplatz in der Nähe des Fjords gefunden, den wir ansteuern wollten. Ihr müsst wissen, wir hatten mittlerweile Oktober und die meisten Campingplätze hatten nur bis zum 31.09. auf, da ab dann kaum noch jemand kam, weil es einfach zu kalt wurde. Wir hatten also schon mehrere Plätze angefahren, die einfach geschlossen waren. Es war natürlich schon wieder dunkel, als wir endlich an dem Ort ankamen, von dem wir uns einen Parkplatz zum Schlafen versprachen. Es folgte die einzige Situation auf unserer Reise, in der ich KURZ ein wenig Angst hatte und natürlich auch hier wieder so getan habe, als hätte ich die Situation völlig im Griff.

Wir fuhren auf einer kleinen Nebenstraße von der einzig großen Straße in diesem Ort. Waren am Bowlingcenter an der Ecke abgebogen und das Navi sagte uns, dass in 400m unser Ziel auf der linken Seite sein sollte. Mit uns gemeinsam war ein Kombi abgebogen, der nun schon die ganze Zeit hinter uns her schlich, obwohl er locker einfach an uns hätte vorbei fahren können. Ich bog links in die Einfahrt des vermeintlichen Campingplatzes ab, der Kombi auch. Nun wurden wir doch leicht nervös. Ich fuhr einmal im Kreis auf den Parkplatz des Platzes und der Kombi im Schneckentempo genau hinter uns. Nirgends brannte Licht in den Fenstern, der Platz lag stockdunkel da. Okay… Julia war stark nervös und ich konnte auch das mulmige Gefühl im Bauch nicht länger leugnen. „Wir halten hier jetzt nicht an!“, meinte Julia noch. Aber was sollte ich machen?!? Ich wollte auch nicht mit quietschenden Reifen vom Hof fahren und es gab in einer Stunde Umgebung keinen anderen Campingplatz als diesen. Wir hielten die Diesellotte also an und der Kombi hielt hinter uns. Kurz passierte nichts. Dann gingen die Lichter am Wagen hinter uns aus und jemand stieg aus. Julia war auf dem Sprung zum Messer, dass wir von meinem Onkel für den Notfall mitgenommen hatten. Auch mir pochte das Herz bis zum Hals…

Was soll ich sagen, ganz netter Typ… wollte uns nur erklären, dass der Campingplatzbesitzer da vorne im Bowlingcenter arbeitet und wir, falls wir auf den Preikestolen wandern möchten auf die Wettervorhersagen achten sollen, da es dort oben in den letzten Tagen zu Überschwemmungen gekommen war.  

Wir nickten, lächelten und machten das Fenster wieder hoch… Atmeten einmal tief durch und lachten uns dann kaputt.

Wir hatten auch mit diesem Platz nach anfänglichen Schwierigkeiten super Glück und sogar einen beheizten Aufenthaltsraum für uns alleine. Aber ein bisschen was von dem Schrecken ist mir wohl doch im Hinterkopf geblieben, denn es war die einzige Nacht in der ich nicht ruhig durchschlief, nachts aufwachte und komische Geräusche hörte, von denen ich mir sicher war, dass sie von einem fetten Elch stammten, der im Wald direkt neben unserem Auto stand…

… Natürlich musste ich genau in dieser Nacht raus aufs Klo … um 4 Uhr … Julia schlief der Elch röhrte…  

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